Menschen und Lebensräume als Stoff für Kunst- und Kulturprojekte

Im Fokus des 2013 von der Niederrheinischen Kulturdezernentenkonferenz verabschiedeten neuen Leitbildes steht die „Kulturelle Biografie Niederrhein“.

Das Leitbild versteht sich als Strategiekonzept mit dem Selbstverständnis, Menschen und Lebensräume in künstlerisch-kulturelle Handlungsfelder einzubeziehen und dies mit Kulturschaffenden aller Sparten in regelmäßigen Werkstattgesprächen auf konkrete Kooperationsansätze zu übertragen.

Hintergrund
Gesellschaftliche Herausforderungen wie die Auswirkungen des demographischen Wandels, die Sicherung der kulturellen Grundversorgung in der Fläche, die Medialisierung und Individualisierung des Kulturinteresses oder die Konkurrenz der Freizeitindustrie haben die Kulturregion Niederrhein dazu veranlasst, ihre bisherigen Leitvorstellungen und Maßnahmen im Interesse einer vitalen Kulturraumentwicklung zu überprüfen.

Der Arbeitskreis Regionalkultur hat 2012 in mehreren Sitzungen ein neues Leitbild formuliert, das sich aus der Enge bisheriger „Profile“ löst und für die Potentiale der Region öffnet: Für die Potentiale der Museen, Theater und Konzerthäuser am grenzüberschreitenden Niederrhein ebenso, wie für die der freien Kunst- und Theaterszene und des privaten bürgerschaftlichen Engagements in Kulturvereinen oder Ausstellungsinitiativen. Dabei geht es um mehr als die künstlerischen oder kulturfachlichen Potentiale. Es geht um das Selbstverständnis, Menschen und Lebensräume in kulturelle Handlungen einbeziehen zu wollen, es geht um die Beuyssche Idee der „sozialen Plastik“ als gelebte Kulturarbeit am Niederrhein. Pate gestanden hat das Konzept der „Kulturellen Biografie“ aus den Niederlanden, das 2010 von der Niederrheinischen Kulturdezernentenkonferenz zu einem Arbeitsschwerpunkt am Niederrhein erklärt wurde.

Die „kulturelle Biografie Niederrhein“ sucht Verknüpfungen des Privaten mit den gesellschaftlichen und historischen „Lebenslinien“ unseres Kulturraumes. Im Mittelpunkt stehen Orte der Erinnerung, private Sammlerstücke, Zeitzeugenerzählungen u.v.m., die als „Leihgaben“ in Kunst- und Musikprojekten, kulturpädagogischen Aktionen, Ausstellungen, literarischen Werken oder Theaterinszenierungen eine neue Aufmerksamkeit und Wertschätzung erfahren. Der Rückbezug auf Menschen und Lebensräume am Niederrhein bildet gemeinsam mit der reflektierenden und visionären Stärke von Kunst und Kultur ein Potential, das zum einen die Kultur in der Fläche stärkt, insbesondere aber eine unerschöpfliche Quelle neuartiger Verknüpfungen in Kunst- und Kulturprojekten bietet.

Ziel der „kulturellen Biografie Niederrhein“ ist eine „Landkarte“ der kulturellen Wertschöpfung unserer Region, die ihre Identität nicht nur aus Vergangenem ableiten will, sondern auch aus der bürgerschaftlichen Mitgestaltung und Mitverantwortung für ihr regionales kulturelles Umfeld.

Leitgedanken
Der Kulturraum Niederrhein e.V. möchte die strategische und strukturelle Entwicklung der Regionalen Kulturarbeit vorantreiben, um die kulturelle Grundversorgung und Teilhabe für alle Bürgerinnen und Bürger – auch außerhalb der großen Städte - sicherzustellen. Das kulturelle Profil der Region und ihre Potentiale sollen über ausgewählte Projekte nach außen deutlicher erkennbar werden und nach innen identitätsfördernd wirken.

Dabei stehen folgende Leitgedanken im Vordergrund:

1. Der Niederrhein als grenzüberschreitender Kulturraum von europäischer Dimension zieht seine Kraft insbesondere aus der Vielfalt einer reichen, oft international geprägten Museumslandschaft sowie dem herausragenden Bestand an historischer wie zeitgenössischer europäischer Gartenkunst. Dieses kulturelle Profil der Region möchte der Kulturraum Niederrhein in besonderen Projekten herausstellen und im Rahmen seines neuen Arbeitsschwerpunktes „Kulturelle Biografie Niederrhein / Niederrhein Inkognito“ gemeinsam mit den freien und institutionellen Kulturakteuren weiterentwickeln.

2. Der Kulturraum Niederrhein will zusammen mit dem Landesprogramm der Regionalen Kulturpolitik NRW das Beste des lokal Vorhandenen in regionalen Zusammenhängen qualifizieren und konzentriert und kooperativ herausstellen.

3. Nachhaltigkeit bei gleichzeitiger Innovationsfreudigkeit und Offenheit für Impulse von außen ist ein wesentlicher Faktor für die Weiterentwicklung der kulturellen Struktur des Niederrheins. Gerade auch regionale Projekte, die nicht auf Kontinuität angelegt sind, sollten sich daher an dem Leitbild orientieren und als Bausteine zu einer regionalkulturellen Gesamtarchitektur beitragen.

4. Wichtiger Bestandteil und zugleich Schnittstelle zu den Nachbarregionen Ruhrgebiet und Rheinschiene sind Duisburg und die Landeshauptstadt Düsseldorf. Die Region und die beiden Großstädte sind gegenseitig auf die Wahrnehmung und Förderung ihres kulturellen Angebots angewiesen und profitieren kulturell voneinander. Gleiches gilt mit Blick zu den niederländischen Nachbarn für die Provincies Limburg und Gelderland, insbesondere für die Städte Venlo, Nijmegen und Arnhem.

5. In Zeiten des demographischen Wandels und der Entwicklung hin zu einer Wissensgesellschaft sind Kultur und Bildung wichtige Standortfaktoren im Wettbewerb um Unternehmensansiedlungen und Fachkräfte. Unternehmen haben neben ihren wirtschaftlichen Verpflichtungen ein Interesse an der Infrastruktur ihres Landes, ihrer Region, ihrer Kommune. Der Kulturraum Niederrhein möchte dazu beitragen, dass Wirtschaft und Kultur noch mehr aufeinander zugehen.

6. Kultur ist Basis für das Zusammenleben und Gütesiegel für die Lebens- und Standortqualität einer Kommune. Angesichts der zukünftigen Herausforderungen können sich Städte und Gemeinden ihrer Verantwortung der Kulturförderung nicht entziehen. Der Kulturraum Niederrhein möchte auf Ebene seiner Kulturdezernentenkonferenz die Kommunen bei der Wahrnehmung dieser Aufgabe unterstützen.

7. Um die regionale Identität am Niederrhein zu stärken, hat es sich der Verein Kulturraum Niederrhein zur Aufgabe gemacht, das reiche Kulturangebot der Region für Bewohner und Besucher durch Veranstaltungen, regelmäßige Information, Öffentlichkeitsarbeit und Publikationen transparent und bewusst machen. Regionales Kulturmarketing ist aber mehr als die Summe der Stadt- und Gemeindemarketingaktivitäten. Sein Erfolg hängt wesentlich ab von der Teilhabe möglichst vieler Akteure und Partner in innerstädtischen und regionalen Netzwerken, die wiederum Multiplikatoren der Vermittlung in ihren Wirkungskreisen sind. Auch hier bietet „Niederrhein Inkognito“ eine Basis. Kulturelle Kooperationsprojekte sollten von allen Partnern und insbesondere den jeweiligen örtlichen Marketinginstitutionen gemeinschaftlich beworben und besonders herausgestellt werden. Der Kulturraum Niederrhein möchte dazu beitragen, dass Touristiker und Kulturvertreter künftig enger zusammenarbeiten.

8. Der kulturellen Bildung kommt im demographischen Wandel am Niederrhein ein besonderer Stellenwert zu.

Siehe auch: Leitbild Kulturregion Niederrhein

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